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MI | 11.04.2012
Crash Test Dummies (Bild: ORF)
Crash-Test-Leichen
Gehrer lässt prüfen
In der Causa um Bewegungsstudien an Leichen an der TU Graz hat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) nun die Bioethikkommission des Bundeskanzleramts eingeschaltet. Kritiker sprechen bei den umstrittenen Versuchen von einem Fall für den Staatsanwalt.
Die Bioethikkommission solle einerseits klären, ob derartige Versuche mit Leichen aus wissenschaftlicher Sicht wirklich nötig sind und auch die ethischen Seiten der Sache abklären, sagte Gehrer am Rande einer Pressekonferenz am Freitag in Wien. Gehrer begrüßte es, dass auch die Ethikkommission der Universität eingeschaltet wurde.

Für Weiterentwicklung von Dummies
Das Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz stellte den Antrag, wonach für Bewegungsversuche zur Weiterentwicklung von Crash-Test-Dummies fünf Leichen eingesetzt werden sollen. Mit Crash-Tests versucht die Autoindustrie, möglichst sichere Fahrzeuge zu bauen. Unverzichtbar sind dafür die so genannten Dummies - möglichst realitätsnahe Puppen in Menschenform, die mit Sensoren ausgestattet sind. Am Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz werden solche Dummies seit Jahren weiterentwickelt.
20 Leichen für Beschleunigungstests
In Zusammenarbeit mit der Grazer Gerichtsmedizin führten die Forscher dazu in den vergangenen zehn Jahren auch Versuche mit Leichen durch - statt mit Dummies wurden demnach zumindest 20 Leichen, die für Obduktionen vorgesehen waren, für Beschleunigungstests mit maximal 15 km/h eingesetzt. Bei diesen Tests wurde vor allem der Heckanprall simuliert. Die Toten werden beim Aufprall gefilmt, die Daten ausgewertet und für die Konstruktion besserer Dummies, die für Untersuchungen des Peitschenschlagsyndroms konstruiert werden, verwendet.
"Ethische Grundsätze eingehalten"
Die Wissenschaftler betonen, dass die Leichen dabei äußerlich keinen Schaden genommen hätten und immer auf die Einhaltung ethischer Grundsätze geachtet wurde - die Versuche selbst seien ihrer Meinung nach vertretbar, um Unfallverletzungen zu vermeiden, sagt Hermann Steffan, Leiter der Fahrzeugsicherheit an der TU Graz.
"Es ist notwendig"
Ohne die Tests mit Leichen wäre es unmöglich gewesen, neue Dummies zu entwickeln, so Steffan: "Wir machen es nur deshalb, weil es notwendig ist. Man macht auch keinesfalls mehr Tests als absolut notwendig sind, aber ich sehe den Nutzen hinter dem Ganzen. Man muss immer im Hinterkopf behalten, wir haben enorm viele Verletzte in diesem Bereich und es hat bisher keine Möglichkeit gegeben, zu evaluieren, was sind die Verletzungsursachen, und das ist jetzt möglich. Und das geht jetzt auch in die neuen Fahrzeugentwicklungen hinein, wir haben jetzt mittlerweile neue Sitze, neue Sitztechnologien, die jetzt auf den Markt kommen auf Grund dieser Forschungsarbeiten und ich glaube, dass so etwas die Arbeit rechtfertigt."
Rechtsgutachten soll klären
Für eine weitere Versuchsreihe im Zuge eines EU-Projektes wurde nun die Ethikkommission der Grazer Medizin-Uni zu Rate gezogen; ein Rechtsgutachten soll klären, ob neuerliche Tests ethisch vertretbar sind.
Notfalls an anderem Institut
"Wenn die Ethikkommission - weil das ist für uns sehr wichtig, dass immer die Ethik wirklich im Vordergrund steht - uns zusagt, werden die Tests weitergehen, ansonsten werden sie in einer anderen Forschungsstelle im Ausland gemacht", sagt Steffan.
Ethikkommission nicht einig
Die Ethikkommission hatte sich wegen der technischen Komponenten des Themas in den vergangenen Jahren immer für unzuständig erklärt: Diesmal arbeitete man allerdings eine Zehnpunkteregelung aus, um die geplante neue Testreihe zu beurteilen - einig ist man sich aber nicht.
"Entsteht Vorteil für Patienten?"
"Die strittige Frage betrifft den Punkt: Ist das mit diesem Punkt der klaren Zielvorstellung gegeben, dass aus solchen Manipulationen an einer Leiche ein quasi unmittelbarer Vorteil für eine aktuelle oder künftige Betreuung von Patienten resultiert", sagte Hans-Peter Kapfhammer, stellvertretender Vorsitzender der Ethikkommission.
"Unerträgliche Vorstellung"
Die Pflegedirektorin des LKH Graz, die auch Mitglied der Ethikkommission ist, spricht sich strikt gegen die Tests aus.
"Angehörige wissen nichts davon"
"Ich würde es unerträglich finden, wenn mit meinen verstorbenen Angehörigen oder Verwandten diese Versuche unternommen würden, und das gleiche Recht gestehe ich allen anderen Verstorbenen und deren Angehörigen zu - wobei man sagen muss, die Angehörigen erfahren es ja nicht, wenn mit ihren Verstorbenen diese Versuche unternommen werden."
"Ein Fall für den Staatsanwalt"
Auch für Landessanitätsdirektor Odo Fenstra sind solche Versuche mit Leichen undenkbar:
"Nach dem steirischen Leichenbestattungsgesetz kann die Sanitätsbehörde eine so genannte sanitätsbehördliche Obduktion anordnen. Diese dient ausschließlich der Klärung der Todesursache und ist natürlich in keiner Weise verbunden mit irgendwelchen Versuchen am Leichnam. Ich bin der Meinung, dass es ein Fall für den Staatsanwalt ist. Ich leite selbst die Ethikkommission des Landes. Der Antrag wurde ja bei der Klinik gestellt und ich habe mir gedacht, in meiner Ethikkommission würde das sofort abgelehnt werden", sagte Fenstra.
Möglicherweise gesetzliche Ausnahme
Anders sieht das der Grazer Medizin-Rechts-Experte Peter Schick: Zwar wird laut Strafgesetzbuch das Misshandeln oder Verunehren von Leichen als Störung der Totenruhe angesehen, aber im Medizinrecht gebe es zwei Ausnahmen und zwar für angeordnete Obduktionen und für Organ-Entnahmen zu Transplantationszwecken. Und der Umstand, dass auch die umstrittenen Bewegungsstudien letztendlich der Gesundheit künftiger Patienten dienen sollen, könnten möglicherweise als Ausnahme gewertet werden.

Rechtliche Prüfung durch Stadt Graz
Im Grazer Rathaus kann man sochen Argumenten derzeit nur wenig abgewinnen. Die für Obduktionsanordnungen verantwortliche Gesundheitsstadträtin Wilfriede Monogioudis hat bereits mit der Gerichtsmedizin Kontakt aufgenommen. Sie kündigte eine rechtliche Prüfung des Falles durch die Stadt Graz an.

Für Medizin-Ethiker nicht alltäglich
"Bewegungsstudien an Leichen" sind auch für Medizin-Ethikkommissionen nichts Alltägliches; Ernst Singer, Vorsitzender des Gremiums an der Medizin-Uni Wien, kann sich jedenfalls an keinen derartigen Fall erinnern. Derzeit ist die Medizin-Ethikkommission mit rund 500 Fällen pro Jahr konfrontiert - meist gehe es um die Entnahme von winzigen Gewebeproben.
Totenruhe darf nicht gestört werden
"In jedem Fall muss geprüft werden, ob die Angelegenheit mit den Gesetzen im Einklang ist", so Singer. Wenn es Zweifel gebe, ob etwa der Straftatbestand "Störung der Totenruhe" gegeben sein könnte, wird von der Kommission ein juristisches Gutachten angefordert.
Keine Tests mit Anatomie-Leichen
Weitgehend ausgenommen von derartigen Prüfungsverfahren sind dagegen so genannte Anatomie-Leichen. Es handelt sich dabei um die Körper von Menschen, die zu Lebzeiten verfügt haben, dass sie ihre sterblichen Überreste der Wissenschaft überantworten. Anatomie-Leichen werden zum Großteil in der Lehre oder in der medizinischen Forschung eingesetzt.

Rektor verteidigt Forschungen
Der Rektor der Technischen Universität Graz, Hans Sünkel, verteidigte am Freitag die Verwendung von Leichen zu Forschungszwecken.
"Alle Standards eingehalten"
Bei den bisherigen Versuchen seien "selbstverständlich alle internationalen Standards" eingehalten worden. Es dürfe nicht übersehen werden, dass eines der vom Institut mitentwickelten Dummy-Modelle heute als weltweiter Standard für die Entwicklung von Autositzen, die Verletzungen bei Unfällen verhindern, gelte: "Die Verstorbenen haben damit nicht unwesentlich zu diesem Erfolg beigetragen."
"Keine Spur von Crash-Tests"
"Professor Steffan hat absolut korrekt gehandelt", so Sünkel. Steffans Kontaktnahme mit der Ethikkommission der Medizin-Universität zeige, "wie ernst es ihm bei der Sicherung und Einhaltung der ethischen Standards ist". Auch verwehrte sich der Rektor, die Tests mit Leichen mit Crash-Tests in Verbindung zu bringen.

"Betroffene zu Lebzeiten zustimmen"
Bernd Oberndorfer, Theologe und Mediziner und Mitglied der Grazer Ehtikkommission sprach sich am Freitag für die Fortsetzung dieser Versuche aus, vorausgesetzt, dass die Betroffenen bereits zu Lebzeiten ihre Zustimmung dazu gegeben haben. Auch der Leiter der Gerichtsmedizin Eduard Leinzinger sprach sich für eine Fortsetzung aus, "weil wir entwickeln Dummies, die möglichst menschenähnlich sind, daher bedarf es dieser Versuche".
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